Die Atombombenexplosion von Hiroshima markiert ein schreckliches Datum der Geschichte der Menschheit: 300 000 Menschen fanden in Hiroshima und Nagasaki sofort oder infolge von Verbrennungen und Zerstrahlungen den Tod. Die gesamte Flora und Fauna wurde vernichtet. Nichts wuchs mehr auf dem verbrannten Boden. Einzige Ausnahme war ein ehemals imposanter Ginkgo-Baum, der wie ein Strohhalm gebrannt hatte. Mit ungläubigem Staunen beobachtete man, wie im nächsten Frühling der Ginkgo einen neuen Sproß inmitten der total zerstörten Vegetation hervorbrachte. Dieser Sproß wurde sorgfältig gepflegt und ist heute ein schöner Baum, der die Hoffnung in die Zukunft symbolisiert. 
 
 
 
 
Der Ginkgo überlebte nicht nur die Atombombe von Hiroshima. Als botanische Gattung scheint er der Zeit zu trotzen. Seine Ursprünge reichen etwa 300 Millionen Jahre zurück. Die heute lebende Art - oder zumindest ein ihr sehr nahestehender Vorgänger - wuchs bereits vor hundertfünfzig Millionen Jahren. Der Ginkgo ist somit, um einen Ausdruck von Charles Darwin zu gebrauchen, ein lebendes Fossil. Seit dem erstmaligen Auftauchen des Ginkgo erlebte die Erde zahlreiche Katastrophen. Insbesondere am Ende der Kreidezeit, d.h. beim Übergang von Mesozoikum zum Tertiär. Der Ginkgo hat diese kritische Epoche ebenso überdauert wie die Umwälzungen, die die Biosphäre im Miozän, also in der Mitte des Tertiär, erheblich veränderten.
 

 
 

Vor kurzem entdeckte man auch, daß sich der Ginkgo neben seinen ästhetischen Vorzügen hervorragend für die Bepflanzung von Städten eignet, da er eine außergewöhnliche Widerstandsfähigkeit gegenüber Autoabgasen und anderen schädlichen Umwelteinflüssen aufweist. 

In New York gehört er zu den am häufigsten gepflanzten Arten entlang den Straßen von Manhattan; stirbt ein Baum, so wird er systematisch durch einen Ginkgo ersetzt.  Neben dieser Unempfindlichkeit gegenüber der modernen Umweltverschmutzung, die bei einer so alten Art wie Ironie wirkt, besitzt der Ginkgo eine erstaunliche Immunität gegenüber den üblichen Schädlingen. Schädigungen durch Insekten sind selten und nicht schwerwiegend, und selbst in seinem Ursprungsland gibt es keinen für den Ginkgo spezifischen Schädling. Dies erstaunt um so mehr, wenn man das Alter des Ginkgo bedenkt. Auch gegenüber den Pilzen, die fast alle schwächer werdenden Pflanzen befallen, zeigt der Ginkgo eine bemerkenswerte Resistenz. Das gleiche gilt für Bakterien und Viren. 

Worauf nun sind diese erstaunlichen Eigenschaften des Ginkgo zurückzuführen? Auf die ganz besondere Konstitution des Pflanzenwachses, das Bestandteil der Blätter ist oder aber auf einen sekundären Alkohol, der bei den Gymnospermen anzutreffen ist und in den Ginkgo-Blättern reichlich vorkommt? Man kann nicht umhin, an eine besondere genetische Ausstattung zu denken, die es ihm ermöglicht hat, die zahlreichen Umwälzungen der Erde im Laufe von 200 bis 250 Millionen Jahren zu überdauern.

 
 
 
 
      
     
 
 

Besonders charakteristisch sind die Blätter; sie sind ziemlich dick,zunächst hell- und schliesslich graugrün; die Blattstruktur istzugleich fest und weich. Bei den ausgewachsenen Bäumen sind die Blätter fächerförmig, bei den jungen Bäumen haben sie in der Mitte einen mehr oder weniger tiefen Einschnitt; daher auch der Name des Baumes. 

Die Ginkgo-Blätter sind sehr polymorph; an den langen Zweigen gewöhnlich fächerförmig und an den Kurzen Zweigen mehr oder weniger regelmäßig "gelappt". Die ganz jungen Bäume besitzen sehr unterschiedliche Blattformen, die zunächst, zum Zeitpunkt der Keimung, ein wenig an eine junge Farnpflanze erinnern. Die später entwickelten Blätter sind häufig unförmig; sehr unregelmäßig geteilt oder sogar geschlitzt, ähneln sie ein wenig den ersten fossilen Ginkgoales. 

Der Blattstiel ist lang. Es gibt keine Mittlere Rippe, sondern zwei Seitenrippen, ebenfalls eine Besonderheit des Ginkgo. Die Blattadern teilen sich dann gabelförmig, ohne Anastomosen. Durch diese wiederholte dichotomische Teilung wird die Versorgung des ganzen Blattes gewährleistet.

 
 
 
 
 
Der  Ginkgo wurde zunächst als eine Kuriosität bestaunt und entwickelte sich dann zu einem Rätsel für die Botaniker, da er sich jeder Klassifikation entzog. Erst nach langem Hin und Her verliehen sie ihm einen Sonderstatus im Pflanzenreich. Worauf gründete diese Entscheidung? Im folgenden soll nun der Versuch einer Erklärung unternommen werden sowie die Einordnung des Ginkgo innerhalb des botanischen Systems. 

Was ist eine Pflanze? Unterscheidung und Charakterisierung mögen einfach erscheinen, wenn man z.B. eine Eiche und ein Pferd betrachtet; sehr viel schwieriger wird es jedoch, wenn man Flagellaten mit Protozoen vergleichen will. Die moderne Klassifizierung scheint die traditionelle und vielleicht zu stark vereinfachende Einteilung der Lebewesen in ein "Tierreich" und ein "Pflanzenreich" außer Kraft zu setzen. 

Neben den Viren und virenähnlichen Organismen (kann man sie als Lebewesen bezeichnen?) müssen Bakterien und Pilze von den eigentlichen Pflanzen unterschieden werden, die gekennzeichnet sind durch: Zelle mit Zellkern, Zellulose zur Stabilisierung der Zellwand, Photosynthese des Chlorophyll, Fehlen eines Nervensystemes und fehlende Motilität bei mehrzelligen Arten. Bei dieser restriktiven Pflanzenklassifikation sind immer noch mehrere hunderttausend heute lebende Pflanzen dazuzuzählen, von den Algen mit Zellkern bis hin zu den hochentwickelten Korbblütlern und Orchideen. 

Die meisten Pflanzen auf der Erde konnten nur deshalb das Meer verlassen und sich auf der neuen ökologischen Nische Festland entwickeln, weil sie sich aufrichteten und verzweigten. Duch das "Lignin" entstanden die Kormophyten, eine Unterteilung, die fast alle derzeit auf der Erde lebenden Pflanzen umfaßt und durch eine ligninhaltige und mit Blättern besetzte Pflanzenachse charakterisiert ist. 

Durch immer besseren Schutz ihrer Nachkommen verbreiteten sich die modernen Pflanzen auf der Erde: aus diesem Grund bilden die Spermatophyten oder Samenpflanzen die heute weitaus zahlreichste Pflanzengruppe auf dem Festland.